Schüler schreiben über den Tod

WAZ 31.10.2011

Schüler des Riesener-Gymnasiums haben sich an einem kreisweiten Buch-Projekt beteiligt und sich mit dem Trauer, Tod und Sterben auseinandergesetzt.

Sterben, Trauern, Tod – das ist zwar an Allerheiligen ein Thema beim obligatorischen Friedhofsbesuch, an allen anderen 364 Tagen des Jahres aber eher ein Tabu. Und wenn man 15, 16 Jahre jung ist, dann ist der Tod sowieso und verständlicherweise ganz weit weg. Für einige Schüler des Riesener-Gymnasiums gilt das nicht mehr. Sie haben sich im vergangenen Schuljahr in einem Projekt mit dem Thema auseinander gesetzt, viel darüber erfahren, geredet und schließlich ganz persönliche Geschichten über das Sterben, den Tod und die Trauer geschrieben.

Einige dieser Texte finden sich nun in einem Buch wieder, das schon im Titel dem Tod viel von seinem Schrecken nimmt: „Endlich leben – Was Schüler über den Tod denken“, hat Herausgeber Gerd Felder die Zusammenstellung einer Auswahl von Beiträgen der 450 Schüler genannt, die sich an dem kreisweiten Projekt beteiligt haben.

Geschrieben wurden keine Trauergeschichten, auch wenn in den Schülertexten oft Trauriges verarbeitet wird. „Er verhielt sich ganz normal“ haben Lisa Treder, Verena Müller und Corinna Schlopmies ihre Erzählung überschrieben, in der es um den Suizid eines Großcousins geht – eine wahre Geschichte. „Am 28. August 2006 besuchte er wie gewöhnlich seinen Vater. Sie schauten zusammen fern . . . er verabschiedete sich, um nach Hause zu fahren. Doch da kam er nie an.“ Schockiert haben die Verwandten damals reagiert, erinnert sich Lisa Treder. Sie hat durch die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte diese Erkenntnis gewonnen: „Suizid ist keine Lösung. Im Leben muss man schwere Zeiten aushalten.“

Wenn der Tod aber unausweichlich ist, dann „ist das gar nicht so schlimm“, haben die Schüler beim Besuch des Hospizes in Recklinghausen erfahren. Überrascht von der herzlichen, offenen Atmosphäre und den lebensfrohen Betreuern waren sie, haben in Gesprächen mit der Hospizleitung begriffen, dass auch das Sterben „verschiedene Phasen hat und es wichtig ist, kranke Menschen zu besuchen“, wie Lena-Marie Ortmann feststellt.

Und was kommt nach dem Tod? Okan Keles hat als einer der wenigen Jungen am Projekt teilgenommen, und diese Frage im Interview mit seinem Vater, dem Muslim Ahmet Keles, geklärt. Auf seine direkten Fragen erhält der Sohn klare Antworten, und hat beim Nachdenken über den Tod noch mehr erfahren: „Man denkt darüber nach, wie man sein eigenes Leben gestalten will. Und versteht, dass nicht nur Geld und Erfolg zählen.“

Über das Leben und ihre Vorstellungen darüber haben alle Schüler viel nachgedacht beim Reden und Schreiben über den Tod. Das Projektmotto „Endlich leben“ nehmen sie nun mit auf ihrem weiteren Lebensweg.

Aufbrechen von Tabus
Das 25-jährige Bestehen des Hospizes zum heiligen Franziskus in Recklinghausen war für den freien Journalisten Gerd Felder und das „Projekt-Team Zirkel“ Anlass für die Durchführung des Projekts, an dem sich im Kreis 22 Schulen und insgesamt 450 Schüler beteiligt haben. Am Riesener- Gymnasium nahmen Schüler des 9. (Philosophiekurs) und 11. Jahrgangs (Deutsch) teil. Ein Ziel war, der Sprachlosigkeit der Gesellschaft beim Thema Sterben entgegen zu wirken und ein Tabu zu brechen. Mehrere Monate lang beschäftigten sich die Schüler mit dem Thema, die Lehrer erhielten u.a. Material für den Unterricht. Die Ergebnisse beeindrucken auch Schulleiter Michael Nieswandt. Erschienen ist das Buch „Endlich leben – Was Schüler über en Tod denken“ im Winkelmann-Verlag Recklinghausen.

Maria Lüning