jg

Hitlers Propagandaminister

Sein ist immer Gewordensein: eine anthropologische Tatsache, die auch für die größten Verbrecher der Geschichte gilt. Der Berliner Historiker und Publizist Jörg von Bilavsky hat im September dieses Jahres im Rahmen der renommierten rororo-Monographien ein neues Buch über Joseph Goebbels veröffentlicht. jg
Vom Sozialfall zum Medienmanipulator: Jörg von Bilavsky rekonstruiert den Aufstieg von Joseph Goebbels

Am 7. Oktober war er am Riesener-Gymnasium zu Gast, um den Geschichtskursen der Stufen 12 und 13 hauptsächlich dessen Entwicklung vom erfolglosen Literaten zum Gauleiter von Berlin nahe zu bringen. Einprägsam rekonstruierte der Referent das Profil eines bald zynischen, bald sentimentalen, stets aber ehrgeizigen Intellektuellen, dessen sozialrevolutionäre Weltsicht gleichwohl nicht zwingend in die Apotheose der NS-Ideologie münden musste. Entscheidend war die Begegnung mit Hitler, in dem das Verehrungsbedürfnis des Protagonisten sein Ziel fand. In der angeregten Diskussion ging es denn auch vorrangig um den Charakter und die Selbststilisierung des nachmaligen Propagandaministers; seine Wirkung auf Frauen kam ebenso zur Sprache wie die von Magda Goebbels inszenierte Ermordung der sechs gemeinsamen Kinder. Aufschlussreich war auch Bilavskys Antwort auf die Frage, wieso Hitler ausgerechnet einen Menschen, der dem „germanischen Typus“ so wenig entsprach wie Goebbels, für die Verbreitung einer dezidiert rassistischen Weltanschauung verantwortlich machte: Heinrich Himmler, halb Technokrat und halb Mystiker, hätte seinerzeit durch Tausende Deutsche ersetzt werden können; Goebbels war seinem Wesen und seinen spezifischen Talenten nach nicht nur im Kreis der damaligen Regierungsgangster singulär und daher für Hitler so notwendig wie Hitler für ihn. – Nachdenklich, wohl auch ein wenig benommen verließen die Teilnehmer die Veranstaltung.