Drogenfrei und aggressiv

FAZ 19.08.2009

Bizarre Stimmung auf dem Straight-Edge-Konzert. Es ist laut und stickig in dem kleinen Raum. Harte Gitarrenmelodien, ein tiefer Bass und ein wuchtiges Schlagzeug sind zu hören. Das alles begleitet von einem „Shouter“, dem Sänger einer Hardcoreband, der seinen Stimmbändern den Rest zu geben scheint. Die Bühne ist klein, so drängen sich die fünf nicht gerade sympathisch wirkenden Musiker eng zusammen. Alle sind tätowiert, groß und strahlen eine ebenso aggressive Aura aus wie Musik und Publikum. Es ist Hardcorenight angesagt in Essen-Steele. Vier Bands werden heute Nacht ihr Bestes geben. Doch dieses Konzert unterscheidet sich von vielen anderen. Der Abend wird drogenfrei verlaufen.

Es stört offenbar niemanden

Das ist sowohl vom Veranstalter wie auch von den Bands gewollt. Für alle Anwesenden herrscht striktes Alkoholverbot. Es stört offenbar niemanden, nicht trinken oder rauchen zu dürfen, im Gegenteil: Die Besucher sind froh, dass sich die Straight-Edge-Szene stärker etabliert. Das Ruhrgebiet ist mittlerweile voll von diesen Konzerten. Die Bezeichnung „Straight Edge“ steht für jene, die ihr Leben ohne Drogen bestreiten wollen. Doch nicht nur der Verzicht auf Alkohol, Nikotin oder sonstige Rauschgifte ist ein Markenzeichen, auch die Ablehnung von häufig wechselnden Geschlechtspartnern und in besonderen Fällen auch eine vegane Lebensweise.

Auf dem Konzert ist es inzwischen so voll, dass man sich kaum noch bewegen kann. Martin Fried aus Mühlheim lebt seit vier Jahren straight. Er sagt, es habe sein Leben verändert. „Als ich vor knapp fünf Jahren das erste Mal ein Konzert besuchte, rauchte ich noch Kette, betrank mich regelmäßig bis zur Besinnungslosigkeit, und gegenüber Marihuana war ich auch nicht abweisend eingestellt.“ Sein Leben war kompliziert. Nach seinem Realschulabschluss begann er eine Lehre als Koch. Nach einem halben Jahr brach er sie ab, da es ständig Konflikte mit seinem Chef gab. „Ich lebte wieder auf Kosten meiner Eltern und sah auch keinen Sinn darin, etwas daran zu ändern. Ich ging immer regelmäßiger auf Konzerte und lernte Leute in meinem Alter kennen, die ihr Leben im Griff hatten. Es waren Edger, die nach einiger Zeit, die sie mit mir verbrachten, auch mich in den Bann dieser Szene zogen.“

Naiv im Bezug auf Drogen

Martin hörte auf zu rauchen, trank nicht mehr, lies die Finger von Drogen, und alles nur, weil es in dieser neuen Umgebung einfach nicht mehr „cool“ war, wie er sagt. „Ich machte an einer Berufsschule in Marl mein Abitur in Verbindung mit einer Ausbildung zum Erzieher und begann daraufhin in einem Kinderheim zu arbeiten. Wenn ich die Möglichkeit bekäme, noch einmal zwischen meinem vorherigen Leben und meinem Edger-Leben zu wählen, ich glaube, meine Antwort würde sich erübrigen.“ Warum kommen einem Außenstehenden sowohl die Musik als auch die Konzertbesucher aggressiv vor? „Die Musiker aus der Edger-Bewegung ereifern sich über viele Dinge. So werden politische und soziale Probleme darin behandelt, wie zum Beispiel die Anteilslosigkeit vieler Jugendlicher hinsichtlich ihrer eigenen Zukunft und die Naivität im Bezug auf Drogen und Geschlechtsverkehr. Das Publikum wird durch die Musik angestachelt.“

Pascal Arrachart (SoWi-LK 13)